Beobachtungen im Café (Gregor Gysi)

24.06.2024
Beobachtungen im Café (Gregor Gysi)

Ich setze mich in die Innenstadt an ein Café. Der Kaffee von dem Gast vor mir steht noch auf dem Tisch und ich hoffe, dass der Kellner diesen als meinen wahrnimmt, dass ich nicht bestellen muss. Meine Hoffnung war vergebens, ihre Augen sind einfach überall. Ich werde gefragt, was ich haben will, und entscheide mich fast intuitiv für eine Kugel Zitroneneis. Im Nachhinein hätte ich lieber einen warmen Tee genommen, aber entschieden ist entschieden und ich bin gar nicht enttäuscht über meine Entscheidung. Es war ein geradezu vorzügliches Eis, es erfüllt mich leicht mit Kälte, aber noch erträglich. Es kommt an und fühlt sich mittlerweile eher warm an.

Ich schaue hoch geradeaus und erblicke die Gesellschaft, also die Massen an Menschen. Einige alt, wenige jung, einige schnell, wenige langsam. Was sind ihre Ziele, was ihre Wünsche? Wo leben sie, wo gehen sie hin? Gespannt blicke ich auf eine Traube von Menschen, welche sich vor einem Podest einer Bühne gebildet hat. Gregor Gysi tritt auf. Ich warte gespannt, höre die Klänge zweier junger Männer, welche den Auftritt nahezu spannend vorzubereiten versuchen. Musik, die bekannt ist, nichts Aufregendes. Auch mir fällt der Refrain ein: „Let it be, let it be.“

Als hätte ich es erst gestern gehört, und in der Tat denke ich darüber nach, wann ich dieses Lied zuletzt hörte. Bei der Familie im Wohnzimmer in Aurich. Ich höre Papa betrunken grölen, Oma und Opa lachen mit einem großen verschwipsten Lächeln auf dem Gesicht. Wie lange mag es her sein? Acht Jahre? Ist es überhaupt geschehen? Die Stimmung scheint gelassen zu sein, ich sehe Menschen lachen. Ich sehe die Fassade in ihren Gesichtern, oder ist es keine Fassade? Ist eine Fassade nicht auch die Realität? Was bedeutet es, glücklich zu sein oder es nur vorzutäuschen? Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Mehr und mehr Menschen versammeln sich, es geht los. Die Musik verstummt, eine Rednerin begrüßt alle Menschen und stimmt zur Debatte an. Ich lausche gespannt, jedes Wort, jeden Satz. Ich habe Fragen: 15 Euro Mindestlohn? Die Preise steigen noch um fast den gleichen Wert. Brandmauer zu rechts? Meinung vieler Menschen lieber abwürgen, als zu diskutieren und argumentieren. Übergewinnsteuer? Was ist überhaupt ein Übergewinn? Mieten senken? Vergleich zu Portugal hinkt, anderes Land, andere Bedingungen, Preisverzerrung. Entweder alle oder gar keine Vergesellschaftung.

Alles, was ich wahrnehme, ist durch meine Sinne begrenzt. So viel, wie die Evolution mir zur Verfügung stellt. Es ist unmöglich, alles wahrzunehmen. Dafür bräuchte ich die Augen eines Adlers, die Ohren eines Elefanten, die Nase eines Bären, den Seismographen einer Schlange. Meine Brille nicht auf, ich sehe verschwommen. Eine verschwommene Welt liegt vor meinen Augen und ich weiß nicht mehr, was oder wer ich bin, geschweige denn war. Die Zeit rennt. Sie fühlt sich so surreal an, fast alles. Fast als wäre es eine endlose Simulation inmitten all dem, was um uns passiert. Ein Schreck, ein Schock – kurz nicht aufgepasst, kann es passieren. Jeder Tag, jede Nacht ist nur einmal vorhanden. Sie kommt nie wieder. Gerade ist es nur bewusster denn je. Schau sie dir an.

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